Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Der Bundestag gedachte am Mittwoch, 27. Januar 2016, in einer Sonderveranstaltung der Opfer des Nationalsozialismus. Anlass ist der 71. Jahrestag der Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen. In diesem Jahr wurde insbesondere an die Zwangsarbeit im nationalsozialistischen Deutschland und im besetzten Europa erinnert. Nach einer Ansprache von Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert hielt die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Prof. Dr. Ruth Klüger die Gedenkrede.

Ruth Klüger spricht am 27.01.2016 in Berlin im Bundestag bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus zu den Abgeordneten Bild vergrößern (© picture alliance / dpa)

Ruth Klüger hielt Gedenkrede

Die 84-jährige Ruth Klüger wurde als Tochter jüdischer Eltern in Wien geboren. Im Alter von zwölf Jahren wurde sie mit ihrer Mutter in das Konzentrationslager Theresienstadt, ein Jahr später nach Auschwitz-Birkenau und dann in das Arbeitslager Christianstadt in der ostbrandenburgischen Niederlausitz (heute Polen), ein Außenlager des niederschlesischen Konzentrationslagers Groß-Rosen, deportiert. Gegen Kriegsende gelang ihr auf einem der „Todesmärsche“ mit ihrer Mutter und einer Pflegeschwester die Flucht nach Niederbayern. Ihr Vater, ein jüdischer Frauenarzt, wurde in Auschwitz ermordet.

Nach ihrem Studium wirkte sie als Hochschulprofessorin für deutsche Literatur an den US-amerikanischen Universitäten von Cleveland, Kansas und Virginia. Bis zu ihrer Emeritierung lehrte sie an der Princeton University und der University of California im kalifornischen Irvine. Als Lessing- und Kleistspezialistin lehrte sie seit 1988 auch an der Georg-August-Universität Göttingen. Bekannt wurde sie mit ihrem Erinnerungsbuch „weiter leben – eine Jugend“ (1992). Zu ihren zahlreichen Auszeichnungen zählen das Verdienstkreuz erster Klasse der Bundesrepublik Deutschland (2008) und die Ehrenmedaille der Stadt Göttingen (2010).

„Massenhafte Ausbeutung durch Zwangsarbeit war bekannt“

Zwangsarbeit sei schlimmer als Sklavenarbeit, sagte Klüger, weil der leibeigene Sklave einen Geldwert für seinen Besitzer hat, den dieser verliert, wenn er den Sklaven verhungern oder erfrieren lässt. Die Zwangsarbeiter der Nazis seien wert

los gewesen, die Ausbeuter hätten sich immer noch neue verschaffen können: „Sie hatten ja so viel ,Menschenmaterial‘, wie sie es nannten, dass sie es wortwörtlich verbrennen konnten.“ (…)
Wenn die deutsche Zivilbevölkerung später beteuert habe, sie hätte nichts über den Massenmord gewusst, so könne man sich darüber streiten, ob das stimmt; doch die massenhafte Ausbeutung durch Zwangsarbeit sei sehr wohl bekannt gewesen, betonte Klüger.

„Von Verwunderung zu Bewunderung“

Seither seien zwei oder sogar drei Generationen hier aufgewachsen, und das Land, das vor 80 Jahren für die schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts verantwortlich war, habe heute den Beifall der Welt gewonnen, „dank seiner geöffneten Grenzen und der Großzügigkeit, mit der Sie die Flut von syrischen und anderen Flüchtlingen aufgenommen haben und noch aufnehmen. Ich bin eine von den vielen Außenstehenden, die von Verwunderung zu Bewunderung übergegangen sind“.

Das sei der Hauptgrund gewesen, warum sie die Einladung angenommen habe, in diesem Rahmen über die früheren Untaten sprechen zu dürfen: „Hier, wo ein gegensätzliches Vorbild entstanden ist und entsteht, mit dem schlichten und dabei heroischen Wahlwort: Wir schaffen das“, schloss Klüger ihre Rede unter großem Beifall der Zuhörer, die sich erhoben hatten. Lammert dankte ihr für ihre „beeindruckende Rede“.

Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Bundestagspräsident Norbert Lammert spricht am 27.01.2016 in Berlin im Bundestag bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus zu den Abgeordneten. Bild vergrößern (© picture alliance / dpa)

Zuvor hatte Bundestagspräsident Lammert daran erinnert, dass der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus seit 20 Jahren am Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz im Bundestag begangen wird. „Wir gedenken all der ermordeten Juden Europas, der Sinti und Roma, der kranken und behinderten Menschen, der Homosexuellen und all derer, denen ihr Recht auf Leben abgesprochen wurde, der Gequälten und Ermordeten.“

Gedacht werde auch an jede, die Widerstand leisteten, die ihr Leben als Andersdenkende verloren, „weil sie anders dachten, weil sie sich nicht beugten und ihre politische Überzeugung, ihre Moral oder ihren Glauben nicht aufgaben“, der Kriegsgefangenen und Deserteure, der „ungezählten zivilen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in ganz Europa“ und in diesem Jahr vor allem auch der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter.

Die Erwartung, wachsam gegenüber Unmenschlichkeit zu bleiben und sich gegen Ausgrenzung, Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu stellen, gelte ausnahmslos für alle, „die in diesem Land leben wie für diejenigen, die wann und wo auch immer in dieses Land gekommen sind", sagte Lammert unter Beifall.

Lammert: Ein vor aller Augen begangenes Verbrechen

Lammert nannte die NS-Zwangsarbeit ein Massenphänomen, „vor aller Augen begangenes Verbrechen“. Alle, auch die zivilen Sparten der Wirtschaft, hätten davon profitiert. Zwangsarbeiter hätten für Großkonzerne wie für Handwerker, für Kirchen und städtische Betriebe, im Bergbau wie in Privathaushalten gearbeitet. Allein in Berlin habe es rund 3.000 Sammelunterkünfte für rund eine halbe Million Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter gegeben.

Viele Jahre seien vergangen, so der Präsident, bis deutsche Unternehmen, die von Zwangsarbeit profitiert hatten, bereit gewesen seien, Verantwortung zu übernehmen. Die „Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ wurde erst im Jahr 2000 gegründet. „Damals schon kam das für die meisten der ehemaligen Zwangsarbeiter zu spät“, sagte Lammert.

„Zwangsarbeit blieb letztlich ohne Gegenwert“

Immerhin hätten an mehr als anderthalb Millionen Menschen aus Russland, Polen, der Ukraine, Weißrussland, den baltischen Staaten, Tschechien und anderen Ländern Entschädigungen aus dem halb staatlich, halb privatwirtschaftlich finanzierten Stiftungsvermögen gezahlt werden können. Mit der 2011 neu gefassten Anerkennungsleistung für einstige Arbeit in den Ghettos und den im Mai 2015 beschlossenen Zahlungen für ehemalige sowjetische Kriegsgefangene hätten weitere Opfer berücksichtigt werden können.

„Wir sind uns der nicht wiedergutzumachenden Tatsache bewusst, dass Zwangsarbeit letztlich ohne Gegenwert blieb“, fügte Lammert hinzu. Entschädigung könne nicht mehr als eine Geste sein, ein Zeichen an die wenigen Überlebenden, „dass wir ihre Qualen nicht vergessen haben und ihre Geschichte ein Teil unserer Geschichte ist“. 

Zum Abschluss der gedenkstunde trug der RIAS-Kammerchor aus Berlin das Lied "Moorsoldaten" mit dem Text von Johann Esser (1896-1971) und Wolfgang Langhoff (1901-1966) in der Vertonung von Rudi Goguel (1908-1976) vor.

Quelle: bundestag.de