Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im Zeichen der Leningrad-Blockade

Am 27. Januar 2014 fand die jährliche Gedenkstunde des Deutschen Bundestages zum „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ statt. Gastredner war in diesem Jahr der 95-jährige russische Schriftsteller Daniil Granin. Die Gedenkstunde im Bundestag findet seit 1996 jährlich anlässlich des Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch russische Soldaten am 27. Januar 1945 statt.

Vor 70 Jahren, am 27. Januar 1944, endete die fast 900 Tage andauernde Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht. Der Bundestag hat in diesem Jahr die Erinnerung an dieses Ereignis in den Mittelpunkt seines Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus gestellt. Die Blockade kostete mindestens 800.000, wahrscheinlich mehr als eine Million Menschen das Leben. Daniil Granin, ein Überlebender der Blockade, berichtete in einer bewegenden Rede in russischer Sprache im Plenarsaal des Reichstagsgebäudes von seinen Erlebnissen als Kriegsfreiwilliger der Volkswehr in der Stadt, die heute wieder Sankt Petersburg heißt.

Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Budestag am 27.01.2014 Bild vergrößern (© picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Zur Gedenkstunde begrüßte Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert neben Daniil Granin Bundespräsident Joachim Gauck, Bundesratspräsident Stephan Weil, Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel und den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Prof. Dr. Andreas Voßkuhle.

Internationale Jugendbegegnung zum Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus

Zu den Gästen zählten auch rund 80 Teilnehmer der Internationalen Jugendbegegnung, die alljährlich zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus stattfindet. Teilnehmer sind Jugendliche aus Deutschland und seinen Nachbarländern, vor allem Polen und Frankreich, die sich in Projekten und Initiativen zur Geschichte des Nationalsozialismus oder gegen Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rassismus engagieren. Thema der Jugendbegegnung in diesem Jahr ist die Blockade von Leningrad und der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion.

Die Teilnehmer reisten am 22. Januar gemeinsam nach Sankt Petersburg, wo sie sich mit der Geschichte der Blockade der Stadt durch die Wehrmacht, der deutschen Besatzung in Osteuropa und mit dem Schicksal der Opfer des Nationalsozialismus in Russland befassten. Sie trafen Zeitzeugen und besuchten Denkmäler. Auch das jüdische Leben während der Blockade war ein Thema.

Gastredner Daniil Granin aus Sankt Petersburg


Russischer Schriftsteller Daniil Granin während seiner Rede im Bundestag Bild vergrößern Daniil Granin (© picture alliance / ZUMAPRESS.com) Granin berichtete wie die Verteidigung von Leningrad Mitte September 1941 zusammenbrach und die Stadt von der Belagerung durch die Wehrmacht überrascht wurde. Zu allem Unglück sei es ein sehr kalter Winter gewesen. Die Stadt sei bombardiert und unter massiven Artilleriebeschuss genommen worden. Vor Hunger seien die Menschen immer schwächer geworden. Aber sie hätten weiterhin Munition und Minen produziert und Panzer instandgesetzt. „Die Blockade hielt fast drei Millionen Menschen im Würgegriff.“ Der Hunger sei in die Stadt geschickt worden, um anstelle der deutschen Soldaten Krieg zu führen.

Im Oktober 1941 seien 6.000, im November 10.000 und in den ersten 25 Tagen des Dezember 40.000 Menschen gestorben: „Im Februar verhungerten täglich etwa dreieinhalb Tausend.“ Die Stadt habe wegen des Beschusses aus der Luft und der Bombardierung nicht mehr versorgt werden können.

Eine Evakuierung über den nördlich der Stadt gelegenen Ladogasee habe die „Straße des Lebens“ ermöglicht, die zum anderen, nicht besetzten Ufer geführt habe. „Die Deutschen beschossen die Straße gnadenlos. Die Geschosse rissen das Eis auf. Fahrzeuge und Menschen gingen im Wasser unter.“

Im Mai 1942 hat Granin mit anderen „ganze Berge von Leichen“, die vor den Friedhöfen lagen, leicht „wie Brennholz“ auf Lastwagen geworfen.

Er habe lange gebraucht, um sich zu entscheiden, über „seinen Krieg“ zu schreiben, sagte Granin abschließend, um den Menschen mitzuteilen, „dass wir einen Sieg errungen haben, der gerecht war. Es gibt wahrscheinlich einen sakralen Raum, in dem der Mensch des Sieges teilhaftig wird. Wo das Wichtigste die Liebe zu den Menschen und zum Leben ist.“

Bundestagspräsident Lammert hatte in seiner einleitenden Ansprache aus einem Schreiben der deutschen Seekriegsleitung vom 29. September 1941 zitiert, in dem es heißt: „Ein Interesse an der Erhaltung auch nur eines Teils dieser großstädtischen Bevölkerung besteht in diesem Existenzkrieg unsererseits nicht.“

Gedenken an die Opfer der menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialismus

Der Präsident sagte weiter: „Wir gedenken heute aller Menschen, denen während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und des von Deutschland ausgegangenen Angriffskrieges ihre Rechte, ihr Besitz, ihre Heimat, ihr Leben, ihre Würde entrissen wurden: der Juden, der Sinti und Roma, der Kranken und Menschen mit Behinderungen, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, der Opfer der Kindertransporte, der Kriegsgefangenen, der zu „Untermenschen“ degradierten slawischen Völker.“

Das Gedenken gelte allen, die in Auschwitz, Treblinka, Belzec und in den anderen Vernichtungslagern ermordet wurden – die erschossen, vergast, erschlagen, verbrannt, durch Zwangsarbeit vernichtet wurden oder verhungert sind. „Wir gedenken auch jener, die verfolgt, drangsaliert, getötet wurden, weil sie Widerstand leisteten oder weil sie anderen Schutz und Hilfe gewährten.“

Unter Beifall schloss Lammert: „Nie wieder dürfen Staat und Gesellschaft zulassen, dass Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer politischen Einstellung, ihrer sexuellen Orientierung, wegen ihrer Andersartigkeit zum Feindbild einer schweigenden Mehrheit gemacht, verachtet, gedemütigt oder bedroht werden.“ Die von Fremdenhass getriebenen Morde an Bürgern türkischer und griechischer Herkunft, von rassistischen Parolen begleitete Proteste gegen Flüchtlingsheime, jede antisemitische Straftat fordere „unsere rechtsstaatliche, politische und zivilgesellschaftliche Gegenwehr als Demokraten“ heraus: „In Deutschland jedenfalls ist Intoleranz nicht mehr tolerierbar.“

Ausstellung im Bundestag

Im Anschluss an die Gedenkstunde eröffnete Bundestagsvizepräsidentin Ulla Schmidt die Ausstellung „Erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“, die bis zum 28. Februar im Paul-Löbe-Haus des Bundestages zu sehen sein wird.

Quelle: bundestag.de