Rede des Botschafters Dr. Bernd Fischer anlässlich des Volkstrauertages am 14.11.2010 in Split

Der Volkstrauertag ist ein Tag des Gedenkens an unsere Kriegstoten und die Opfer von Gewaltherrschaft und Terror. Er erinnert uns an vergangenes und auch erst kürzlich erlebtes Leid.  Er lenkt unseren Blick weg vom einzelnen historischen Ereignis hin zum einzelnen und individuellen Leid der Menschen.

Das historische Ereignis beinhaltet oft hohe, teilweise unfassbare Zahlen an Opfern, Zerstörung und damit verbundenem Leid. Der Einzelne verblasst in diesem Koloss, ist nicht mehr fassbar. Seine Leistung, sein Einsatz verschwimmt und wird zunehmend durchsichtiger.

„Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“ sagte Berthold Brecht. Dies würde weder der Leistung des einzelnen Individuums, noch dem damit verbundenen Leid gerecht. Keiner soll umsonst sein Leben verloren haben.

An ihn, den einzelnen Menschen zu denken, an ihn erinnern heißt - sich Auseinandersetzen mit den Geschehnissen, bedeutet  - aus der Vergangenheit Lehren für die Gegenwart und Zukunft ziehen. 
Bundeskanzlerin Merkel stellte 2006 dazu fest: „Wer den Tod ausblendet, wer sich der Toten einfach entledigt, wird auch dem Leben und den Lebenden nicht den Respekt entgegenbringen, ohne den es keine Zivilisation gibt.“

Der Volkstrauertag ist ein Tag der Besinnung und ein stiller Beitrag für den Frieden.

Trotz vielfältigster Friedensbemühungen existieren zahllose Konflikte in vielen Teilen der Welt. Frieden und Verständigung sind nicht erreicht, nicht gesichert und nicht selbstverständlich. Stets müssen wir uns mit neuen asymmetrischen Bedrohungen wie internationaler Terrorismus, organisierte Kriminalität und der Proliferation von Massenvernichtungswaffen auseinandersetzen.

Die europäische Einigungsidee ist eine Lösungsmöglichkeit und eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Sie führt zur Überwindung der innerdeutschen Teilung und der Teilung Europas. Unser Gastland Kroatien wird absehbar Bestandteil dieser Lösung sein.

Aber nicht nur in Europa, nein weltweit gilt es Verantwortung zu übernehmen und sich wie Deutschland und Kroatien innerhalb der NATO und Vereinten Nationen an friedenserhaltenden und friedensherstellenden Einsätzen zu beteiligen. Dies ist auch ein Vermächtnis der Kriegstoten.

Damit komme ich zum Totengedenken.

Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertrieben und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk, einer anderen Rasse angehörten bzw. ihr Leben wegen Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.

Wir gedenken derer, die ihr Leben im Widerstand gegen Gewaltherrschaft gaben, die für ihre Überzeugung und ihren Glauben ihr Leben opferten.

Wir trauern um die Opfer der Kriege und kriegerischen Auseinandersetzungen unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung.

Wir trauern um die Bundeswehrsoldaten und andere Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.

Wir trauern mit den Müttern und Familien, die Leid tragen um die Toten.

Bei allem unseren Gedenken und Besinnen dürfen wir nicht vergessen, Frieden ist ein unabschätzbares Gut und noch nicht Selbstverständlichkeit. Er ist ein Schatz, den es zu pflegen, zu bewahren gilt, der aber auch unser wertvollstes Erbe für künftige Generationen ist.

Im Gedenken an unsere Toten, wissen wir um unser Erbe und dem damit verbundenen Auftrag.