Namensartikel des Botschafters Hans Peter Annen in der Tageszeitung Jutarnji list, 09.06.2013

Mit der Zustimmung des deutschen Bundesrates am 7. Juni ist der Weg endgültig frei für den Beitritt Kroatiens zur Union. Die Mühen des Beitrittsprozesses haben sich gelohnt. Kroatien ist angekommen. Viele werden denken: Endlich … Ich sage: Herzlichen Glückwunsch!

Kroatien erwartet in der EU ein besonders herzliches Willkommen. In vielen Parlamenten der Mitgliedstaaten fiel der Ratifikationsbeschluss zum Beitrittsvertrag einstimmig - für Kroatien ein Grund für berechtigten Stolz auf das Erreichte und ein Moment historischer Genugtuung für alle Kroatinnen und Kroaten. Am 30. Juni wird Europa mit Ihnen feiern.

In unsere gemeinsame Freude mischen sich bereits wieder Fragen: Was kann, was wird die EU für Kroatien leisten? Was wird sie von Kroatien erwarten? Welches Gewicht wird Kroatien in der EU haben? Wird Kroatien in der EU überhaupt gebraucht?

Natürlich! Kroatien braucht Europa, aber umgekehrt gilt auch: Europa braucht Kroatien - wegen seiner Menschen und wegen ihren Zuspruchs zur europäischen Idee, wegen ihres Beitrags zur Verwirklichung des Friedens, der Demokratie und des Wohlstands in Europa.

Diese drei Werte gehören wie ein Dreiklang zusammen. Bei der Anstimmung dieses Akkordes kommt es auf jeden Mitgliedstaat an.

Wirklich auf jeden? In den letzten Monaten richteten sich bei diesen und ähnlichen Fragen die Blicke häufig ganz besonders auf mein Land. Ist nicht Deutschland Schrittmacher in der EU - mit einer brummenden Wirtschaft, mit einer Rekordbeschäftigung, und jetzt auch noch mit Champions League-Titeln im Fuß- und Handball?

Zwar hat in beiden Fällen ein deutscher Verein gewonnen. Weder in dem einen, noch in dem anderen Fall standen aber nur Deutsche auf dem Spielfeld. Für den FC Bayern München liefen beim Champions League Finale gar sechs Ausländer auf.

Dann war es Mario Mandžukić, der in Wembley das erste Tor für die Bayern schoss und das zweite durch Arjen Robben, den Niederländer, vorbereitete. Letzte Woche, also sieben Tage später folgte die Handball Champions League. Dort waren es Domagoj Duvnjak, Igor Vori und Blaženko Lacković, die den Titel für den HSV Hamburg klar machten. Wer sagt es denn - „with a little help from your friends“ wird alles möglich!

So verhält es sich in der Wirtschaft. Wettbewerb ist etwas gutes, Wettbewerb unter starken Wettbewerbern etwas noch besseres. Europas Wohlstand hängt davon ab, wie erfolgreich wir uns dem unausweichlichen Wettbewerb aus den USA, aus China, Indien, Brasilien, aber auch Singapur stellen.

Das gilt für uns alle. Auf die Größe kommt es dabei gar nicht an. Lange bevor sich die Globalisierung abzeichnete brachte es der Belgier Paul Henri Spaak, einer der Gründungsväter der Union, auf eine griffige Formel. Er stellte fest, dass es in Europa zwei Sorten von Staaten gebe: „kleine Staaten - und Staaten, die noch nicht wissen, dass sie klein sind.“

Die Einschätzung trifft den Nagel auf den Kopf und gilt für Deutschland wie für jeden anderen Mitgliedstaat. Wir alle spielen zwar mit in der europäischen Champions League. Keiner von uns kann sich jedoch für die globale Champions League qualifizieren. In dieser Liga spielt nur noch Europa als Ganzes, von nun an eben auch unter Beteiligung Kroatiens.

Aber was ist mit der Wirtschaftskrise, was mit unserer Wettbewerbsfähigkeit? Manchmal werde ich mit der Sorge konfrontiert, dass der Konkurrenzdruck aus der EU zu groß, der Wettbewerb auf dem europäischen Binnenmarkt zu hart für die kroatische Wirtschaft sein könnte. Hierzu möchte ich sagen: Abzuwarten und darauf zu vertrauen, dass die Konkurrenten schwächer werden, ist illusorisch. Es führt zu nichts als Zeitverlust und Wohlfahrtseinbußen.

Wir müssen uns also dem Wettbewerb stellen, einschließlich des damit verbundenen Reformimperativs.

Das hat harte Konsequenzen zur Folge. Das bedeutet zum Beispiel, dass wir uns von liebgewonnenen Gewohnheiten trennen müssen.

Kroatien hat in Vorbereitung auf den EU-Beitritt bereits enorm viel geleistet. Wie Sie wissen, sind manche meiner Mitbürger noch skeptisch geblieben. Uns alle aber eint eine Gemeinsamkeit: Wir wünschen uns ein in jeder Hinsicht fites, leistungsfähiges Kroatien! Der letzte EU-Monitoringbericht der Kommission hat es an Anerkennung nicht fehlen lassen. Auch wenn weiterhin viel zu tun bleibt: Kroatien hat alle seine prioritären Reformverpflichtungen pünktlich erfüllt.

Aber der Weg der Reform ist nicht zu Ende. Wir alle in Europa sind konstant gefordert, uns der sich rasch verändernden globalen Grundbedingungen anzupassen. Das gilt für alle Mitgliedsstaaten der EU.

Auch wir erhalten von Brüssel ganz konkrete Handlungsempfehlungen, wie wir unsere Wettbewerbsfähigkeit weiter steigern können und müssen.

Die europäische Bestimmung Kroatiens ist Wirklichkeit geworden.

Willkommen! Wir sind jetzt Familie.