Interview mit Botschafter Hans Peter Annen in der Zeitschrift der Deutsch-Kroatischen Industrie-und Haldelskammer „aktuell“, Nr. 45/Herbst 2012

Sie sind seit Juli d.J. Botschafter in Kroatien. Was sind Ihre ersten Erfahrungen und Eindrücke?

Das ist die ausgesprochen herzliche und freundliche Aufnahme, die dem Charakter der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Kroatien entspricht. Ich bin zutiefst beeindruckt von der europäischen Offenheit und der Gelassenheit meiner Gesprächspartner in Kroatien und auch von dem Lebensgefühl im Land, soweit ich es bisher kennengelernt habe. Ich betrachte Kroatien als ein zutiefst europäisches Land mit gut entwickelter Infrastruktur im Verkehrswesen, in der Bildung sowie in der Gesellschaft allgemein.
Meine Frau und ich fühlen uns hier ausgesprochen wohl. Zugleich möchte ich sagen, dass ich in meinen bisherigen Gesprächen auf große Ernsthaftigkeit und Sachbezogenheit gestoßen bin. Meine kroatischen Gesprächspartner haben mich erkennen lassen, wie sehr ihnen die Beziehungen zwischen Deutschland und Kroatien am Herzen liegen und wie sehr sie den Beitrag Deutschlands auf dem Weg Kroatiens in die EU schätzen. Sie haben mir auch gezeigt, wie sehr ihnen der geleistete und erhoffte Beitrag Deutschlands zur Modernisierung Kroatiens am Herzen liegt. Ich hoffe aber, dass dies in konkrete Ergebnisse mündet, die unsere partnerschaftlichen Beziehungen noch stärker ausbauen. Wir brauchen allseits praktische Fortschritte statt wohlfeiler Bekundungen.

Welche Akzente möchten Sie in Ihrer Arbeit als Botschafter in Kroatien setzen? Wie stellen Sie sich die künftige Zusammenarbeit mit der Deutsch-Kroatischen Industrie- und Handelskammer vor?

Der Botschafter vertritt den Gesamtbereich der Beziehungen zwischen Deutschland und Kroatien. Das Engagement im Rahmen der Wirtschaftsbeziehungen, die Vertiefung des politischen Dialogs und der Ausbau kultureller Beziehungen liegen mir aber besonders am Herzen. Mir liegt sehr daran, eine enge, vertrauensvolle und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der Deutsch-Kroatischen Industrie- und Handelskammer zu pflegen. Auch aus meiner bisherigen Erfahrung als Botschafter weiß ich, wie wichtig eine solche Zusammenarbeit ist. Die Handelskammer leistet einen wichtigen und großartigen Beitrag zur Vertiefung der beiderseitigen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen. Sie ist eine Art „Heimstatt“ für deutsche Unternehmer in diesem land, aber auch für kroatische Firmen mit engen Kontakten zu Deutschland. Kroatien wird aller Voraussicht nach ab dem 1. Juli 2013 Vollmitglied der EU und damit für uns ein noch engerer Partner sein. Wir wünschen uns ein erfolgreiches und glückliches Kroatien als Partner in der EU. Wenn ich als deutscher Botschafter hierzu einen kleinen Beitrag leisten kann, dann werde ich dies auch tun.

Die deutsch-kroatische wirtschaftliche Zusammenarbeit ist gut, hat aber zweifellos noch großes Ausbaupotential. Wie sehen Sie das?

Ich glaube, dass wir heute in einer Zeit der Weichenstellung für uns alle in Europa, in der Europäischen Union, in Deutschland, in Kroatien, leben. Die gegenwärtige Krise in der EU, vielleicht die schwierigste seit der Gründung der Union, hat das Bewusstsein dafür geschärft, dass die EU, die EU-Mitgliedsstaaten einem tiefgreifenden Wandlungsprozess unterliegen, der wegweisende Entscheidungen verlangt. Für uns alle geht es um die Frage, wie wir Europa global wettbewerbsfähig machen können – dies nicht nur wirtschaftlich gedacht. Hier sind alle in der EU, alle einzelnen Mitgliedsstaaten gefordert.
Ich bin überzeugt, daß der EU-Beitritt für Kroatien neben den großen Herausforderungen des Wandels neue, zusätzliche Möglichkeiten, insbesondere im Wirtschaftsbereich, mit sich bringt. Ein Kroatien, das die mit dem Beitritt verbundenen Chancen ergreift, wird in Deutschland einen guten Partner haben. Ich bin davon überzeugt, dass die amtierende Regierung ernsthaft reformbereit ist. Die bestehenden Probleme sind allseits bekannt und bedürfen hier keiner näheren Erläuterung.

Jetzt wird es darum gehen, insbesondere im produktiven Sektor die Weichen für ein modernes, kompetitives Kroatien in einer wettbewerbsfähigen EU zu stellen. Hier können gerade auch deutsche Unternehmen mit ihrer Expertise und ihren Erfahrungen einen tragfähigen und nachhaltigen Beitrag leisten. Ein Beispiel ist die Modernisierung des Energiesektors. Kroatien importiert ca. 60 Prozent seiner Primär-Energie zu hohen Kosten. Wir können davon ausgehen, dass die Energiekosten nicht sinken werden. Kroatien hat aber alle Voraussetzungen, um erneuerbare Energie auf eine moderne Art und Weise zu nutzen. In Deutschland sind wir in diesem Bereich vorangeschritten. Deutschland hat sich auf den Weg der Energiewende begeben. Es sind die kleinen und mittleren Unternehmen, die hier hilfreiche Partner sein können. Ähnliches gilt für andere Bereiche wie Tourismus, Landwirtschaft oder im weiteren Sinn für die industrielle Produktion. Voraussetzung ist, dass auf kroatischer Seite notwendige Entscheidungen getroffen und notwendige Voraussetzungen für das deutsche Engagement in Kroatien geschaffen werden.
Die Botschaft möchte ihren Beitrag als Mittler zwischen der kroatischen und der deutschen Seite leisten. Wie bereits eingangs gesagt, liegt ein leistungsfähiges Kroatien als Mitglied der europäischen Familie auch im Interesse Deutschlands. Ich selbst beginne meine Arbeit mit tiefem Respekt für dieses Land und mit großem Optimismus.