Rede des Botschafters Thomas E. Schultze anlässlich des Volkstrauertages am 15. November 2015 in Zagreb

(Anrede),

wir haben uns am heutigen Volkstrauertag hier auf dem Friedhof Mirogoj versammelt, um wie alljährlich gemeinsam der Toten zweier Weltkriege des 20. Jahrhunderts sowie der Opfer von Gewaltherrschaft und Terror und der Gefallenen in den gegenwärtigen Operationen und Missionen zu gedenken. Es freut mich sehr und ich bedanke mich bei Ihnen, dass Sie meiner Einladung zu unserer Veranstaltung an diesem sonntäglichen Novembermorgen gefolgt sind. Ihre heutige Teilnahme zeigt Ihre Verbundenheit mit den Opfern, die in der Stille dieses schönen Friedhofs ruhen und deren Schicksal uns schon so fern scheint.

Lassen Sie uns an dieser Stelle der Opfer der schrecklichen Anschläge von Paris gedenken.

Wir trauern heute nicht nur um die Kriegsgefallenen, wir trauern um jedes einzelne Opfer von Krieg und Gewalt. Und weil uns jeder Einzelne am Herzen liegt, sind wir auch jeder selbst ein Stück weit verantwortlich dafür, dass Frieden, Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Menschlichkeit nicht nur schöne Worte bleiben, sondern gelebte Werte sind, für die wir uns einsetzen und an deren Umsetzung wir arbeiten. Wir trauern, doch wir leben in der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern und auf Frieden in der Welt.

Die Frage ist, was bedeutet eigentlich Trauer? Trauer hat etwas mit Erinnerung zu tun. Und was bedeutet Erinnerung? Nach dem  spanischen Dichter Jorge Santayana gilt, ich zitiere: „Wer sich an seine Vergangenheit nicht erinnern will, der ist dazu verdammt, sie wieder durchleben zu müssen.“ Oder anders ausgedrückt: „In der Erinnerung befindet sich die Erlösung.“, wie der jüdische Geistliche Baal Shem Tov im 18. Jahrhundert treffend feststellte. Und genau das ist Volkstrauertag! Erinnern!

Frieden ist leider auch heute noch keine Selbstverständlichkeit. Nach wie vor gibt es Krieg, Hass und Gewalt auf dieser Welt. Diese Schrecken gehören nicht der Vergangenheit an. Sie sind auch heute noch Geißeln unseres menschlichen Zusammenlebens. Die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik hat sich der Sicherung und der Verteidigung des Friedens verschrieben. Leider fordert auch dieser Einsatz für Frieden Opfer; ich selbst habe dies etwa in Afghanistan erlebt und erinnere mich noch sehr gut daran. Junge Männer verloren ihr Leben durch Terroranschläge, obwohl sie lediglich zivile Aufbauhelfer schützen und keinen Krieg führen wollten.

Es ist mir ein besonderes Bedürfnis gerade auch diesen Soldaten aber auch Zivilisten zu gedenken, die im Einsatz für eine bessere Welt Opfer sinnloser Gewalt wurden.

Erneut sterben auch in diesen Tagen in Europa - denken Sie an Paris - und an den Grenzen unseres Kontinents Menschen, die vor Krieg und Terror fliehen oder gegen Terrorismus und Fundamentalismus kämpfen. Denken Sie nur an Syrien: 

Die blutigen Auseinandersetzungen dauern  an. Das Regime von Assad geht in brutalster Weise gegen Zivilisten vor; die Terrororganisation ISIL und mit ihr verbündete Gruppen führen gleichermaßen ein Schreckensregime.
Während Armee; Terroristen und verschiedenste Rebellengruppen noch um jeden Meter kämpfen, sterben unbeteiligte Menschen durch Bombenterror, terroristische Barbarei oder auf der Flucht; viele müssen Ihr Hab und Gut verlassen.

In diesem Jahr ist es siebzig Jahre her, dass der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging – jener mörderische Schrecken, der von Deutschland ausgegangen war. Dieser zweite weltweite Krieg des letzten Jahrhunderts hatte binnen sechs Jahren die schier unglaubliche Zahl von 60 Millionen Menschenleben gefordert. Nie zuvor gehörte zudem eine solch grausame Menschenverachtung und annähernde Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen zu einer kriegerischen Auseinandersetzung. Weite Teile Europas wurden verwüstet; Menschen vertrieben.

Übrigens sollten wir uns in diesem Zusammenhang auch daran erinnern, dass kurz vor Ende des Krieges und auch danach in Europa zahlreiche Flüchtlinge unterwegs waren; damals wie heute kamen viele von ihnen auf der Flucht um. Wer heute in Flüchtlingen eine Bedrohung sieht, sieht nicht, dass auch wir in Europa und gerade Menschen in dieser Region von Flucht und Vertreibung selbst betroffen waren.

In Zagreb haben über 3.000 deutsche Soldaten als Opfer des letzten Weltkrieges ihre letzte Ruhe gefunden. Insgesamt wurden in Kroatien über 20.000 deutsche Soldaten an mehr als 900 Orten beerdigt oder vergraben und wir gehen davon aus, dass über 10.000 weitere Tote in verschiedensten Teilen des Landes noch nicht in unseren zentralen Militärfriedhöfen Zagreb und Split beigesetzt werden konnten.

Wir verneigen uns in dieser Stunde in Trauer vor den Toten, vor den Opfern von Gewalt und Krieg, vor den Kindern, Frauen und Männern aller Völker. Wir gedenken der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder in Gefangenschaft, als Vertriebene, Verfolgte und Flüchtlinge ihr Leben ließen. Wir gedenken der Menschen, die wegen ihrer Rasse oder Religionszugehörigkeit und ihres Glaubens verfolgt wurden und leider auch immer noch werden.

Wir nehmen ihr Leid als Mahnung, unsere Verantwortung für eine Zukunft in Frieden und Freiheit wahrzunehmen.

Ich danke Ihnen.