Rede von Botschafter Thomas E. Schultze anlässlich des Volkstrauertages am 13. November 2016 in Zagreb

(Anrede),

wie jedes Jahr im November, haben wir uns auch heute auf dem Zagreber Friedhof Mirogoj versammelt, um der Toten zweier Weltkriege und der Opfer von Gewaltherrschaft und Terror und der Gefallenen in den gegenwärtigen Operationen und Missionen zu gedenken. Ich danke Ihnen und freue mich sehr, dass Sie der Einladung zu dieser Gedenkfeier gefolgt sind. Ihre Teilnahme zeugt von unserer Verbundenheit im Gedenken an die Opfer von Krieg und Verfolgung, Terror und Unterdrückung, aber auch von dem gemeinsamen Willen weiterhin für eine friedliche Zukunft zu arbeiten. Denn wir der amerikanische Philosoph George Santayana feststellte: „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“

Am Volkstrauertag gedenken wir der Opfer von Gewalt und Krieg, der Kinder, Frauen und Männer aller Völker. Wir gedenken all der Soldaten, die in den beiden Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren. Wir gedenken der Menschen, die wegen ihrer Rasse oder Religionszugehörigkeit und ihres Glaubens verfolgt wurden und werden. Wir gedenken all derer, die ihr Leben lassen mussten, weil sie sich Gewaltherrschaft, Terror oder Unrecht widersetzt haben.

Auch wenn seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bereits 71 Jahre vergangen sind und die die Zahl derer, die diesen schrecklichen Krieg noch selbst erlebt haben, von Tag zu Tag schwindet, sind wir doch immer noch mit den Folgen von Krieg, Gewaltherrschaft, Terror und Vertreibung konfrontiert. Die schrecklichen Bilder aus Aleppo, aus Mossul aber auch aus Paris oder Nizza wühlen auf. Sie zeigen, dass aller Schrecken der Vergangenheit zum Trotz barbarische Gewalt gegen Menschen in Teilen unserer Welt zum Alltag gehört oder plötzlich und unvorhersehbar uns alle betreffen kann.

So hat der Volkstrauertag, das Gedenken der Kinder und Kindeskinder der in den Weltkriegen gefallenen Soldaten etwas erschreckend Aktuelles. Mit der Trauer um die vor langer Zeit gefallenen, gestorbenen oder ermordeten Menschen verbinden wir heute auch die Trauer um die Opfer des sinnlosen Tötens in Syrien, Irak oder anderswo, um die Opfer heimtückischer Terroranschläge in Frankreich, Deutschland aber auch in Afghanistan, der Türkei und in anderen Ländern. Wir sehen täglich: Frieden ist leider auch heute noch keine Selbstverständlichkeit.

Zwar haben wir es in Europa weitgehend geschafft, seit mehr als 70 Jahren in Frieden zu leben, aber gerade hier in Kroatien sollte uns bewusst sein, dass manche kriegerische Auseinandersetzung auch jüngeren Datums ist.

Die Flucht aus Kriegsgebieten oder vor Terrorregimen betrifft uns alle in Europa. Sie sind für Europa, für unsere Staaten für unsere Menschen eine Herausforderung. Natürlich sind auch uns Grenzen gesetzt und natürlich müssen wir auch unsere Grenzen schützen, wir bleiben aber auch dem Gebot der Humanität verpflichtet. Auch den Opfern fremdenfeindlicher Gewalt in unseren Gesellschaften sollten wir heute gedenken. In vielen Fällen flohen diese vor Krieg und Terror in ein fremdes Land, in denen sie dann sinnlos Opfer xenophober Gewalt wurden.

Ich habe bereits im letzten Jahr in meiner Rede daran erinnert, dass nach den Weltkriegen auch viele Menschen in Europa auf der Flucht waren und aufgenommen wurden. Das sollten wir nicht vergessen.

Wie wertvoll unser Leben im Frieden ist, können wir uns am unermesslichen Leid des Zweiten Weltkrieges deutlich machen, durch den insgesamt 55 Millionen Menschen starben. Zu den Opfern gehörten Angehörige vieler Nationen, Soldaten und Zivilisten, darunter alleine 6 Millionen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern aus ganz Europa, die von den Deutschen ermordet wurden, und auch zahlreiche Opfer in Kroatien.

Gerade hier, wo die Erinnerungen an Kämpfe und Verbrechen in Vukovar und anderswo, an den Krieg mit Tausenden Toten in der heutigen Generation noch lebendig sind, wird deutlich, dass es wichtig ist, nicht in Trauer zu verharren, sondern gemeinsam die Zukunft friedlich zu gestalten.

Frieden ist ein unschätzbares Gut und nicht Selbstverständlichkeit. Und dies ist eine weitere Botschaft dieses Volkstrauertages: heute leben wir in Europa in einer kaum je gekannten Periode von Frieden und Freiheit, Toleranz und Achtung der Menschenwürde. Dies ist ein Schatz, den es zu pflegen, zu bewahren gilt, der unser wertvollstes Erbe für künftige Generationen ist.

In Zagreb haben über 3.000 deutsche Soldaten als Opfer des letzten Weltkrieges ihre letzte Ruhe gefunden. Insgesamt wurden in Kroatien über 20.000 deutsche Soldaten an mehr als 900 Orten beerdigt oder vergraben und wir gehen davon aus, dass über 10.000 weitere Tote in verschiedensten Teilen des Landes noch nicht in unseren zentralen Militärfriedhöfen Zagreb und Split beigesetzt werden konnten.

Wir verneigen uns in dieser Stunde in Trauer vor den Toten, vor den Opfern von Gewalt und Krieg, vor den Kindern, Frauen und Männern aller Völker. Wir gedenken der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder in Gefangenschaft, als Vertriebene, Verfolgte und Flüchtlinge ihr Leben ließen. Wir gedenken der Menschen, die wegen ihrer Rasse oder Religionszugehörigkeit und ihres Glaubens verfolgt wurden und leider auch immer noch werden.

Wir nehmen ihr Leid als Mahnung, unsere Verantwortung für eine Zukunft in Frieden und Freiheit wahrzunehmen.

Ich danke Ihnen.