Rede von Botschafter Thomas E. Schultze aus Anlass des Tags der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2017 in Zagreb

(Anrede und Begrüßung)

Es ist mir eine Freude, heute Abend hier auch den Abgeordneten des Deutschen Bundestages Herrn Josip Juratovic begrüßen zu können.

Zunächst möchte ich dem Team des Studentenwerkes unter Leitung von Herrn Mirko Bošnjak ganz herzlich für die ausgezeichnete Zusammenarbeit danken - Sie haben diese Veranstaltung hier erst möglich gemacht! Ich möchte auch die Arbeit des Studentenwerkes für die etwa 70.000 Studenten und Studentinnen in Zagreb hervorheben – eine wichtige Arbeit für die Zukunft Kroatiens.

Ich bin gefragt worden, warum wir den Tag der deutschen Einheit ausgerechnet im französischen Pavillon feiern. Das liegt natürlich nicht nur daran, dass von den vier Pavillons aus den 30er Jahren - ein italienischer, ein tschechischer und ein deutscher Pavillon - nur noch der französische erhalten geblieben ist.

Die Feier hier an diesem Ort soll auch ein Symbol dafür sein, was wir gemeinsam in Europa erreicht haben. Die deutsche Wiedervereinigung, deren Jahrestag wir heute hier feiern, hat nämlich viel mit Europa zu tun: der Versöhnung in Europa, zwischen den Menschen verschiedener Länder, mit unseren Nachbarn.

Nicht zuletzt natürlich mit unseren französischen Freunden – Denken wir nur an das gemeinsame Bild von Helmut Kohl, der in diesem Jahr leider verstorben ist, und Francois Mitterand – 1984 im September in Verdun – Hand in Hand.

Wir feiern in diesem Jahr bekanntlich nicht nur den 27. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung, sondern auch 25 Jahre diplomatische Beziehungen mit dem unabhängigen Kroatien. Deutschland fühlt sich Kroatien eng verbunden, als wichtigster Handelspartner, aber – noch viel wichtiger – vor allem durch zahlreiche persönliche Kontakte –hunderttausende aus Kroatien stammende Menschen leben in Deutschland, nie waren mehr Deutsche als Touristen in diesem wunderschönen Land. Die in der deutsch-kroatischen Handelskammer zusammengeschlossenen Unternehmen haben etwa 80.000 Mitarbeiter.

Lassen Sie mich nach dem Ausflug in die ausgezeichneten bilateralen Beziehungen zwischen unseren Ländern noch einmal auf Europa zurückkommen.

Seit der Unterzeichnung des Beitrittsvertrags 2003 in Athen sind 13 Länder der östlichen Mitte und des Südens Europas der EU beigetreten, zuletzt Kroatien. Wir sollten die großartigen Anstrengungen der Länder der Region und ihrer Bevölkerungen bei der EU-Annäherung und -Aufnahme nicht vergessen!

Wir sollten auch nicht vergessen, was uns diese Europäische Einigung, die Europäische Union gebracht hat. Es geht um viele Errungenschaften: Freiheit, Frieden, Wohlstand, Sicherheit. Gleichzeitig haben wir uns auch auf gemeinsame Werte verpflichtet, zu denen Rechtstaatlichkeit ebenso gehört wie die Achtung der Würde des Menschen – und damit sind alle Menschen gemeint. Diese Werte und Errungenschaften sind eng miteinander verbunden.

Wir sind als Europäische Union eben nicht nur eine wirtschaftliche Zweckgemeinschaft; nein, wir sind vor allem auch eine Solidargemeinschaft, in der man sich unterstützt. Dass dies viel einfacher gelingt wenn alle mitziehen, liegt auf der Hand.

Ich denke, genau das muss man gelegentlich in Erinnerung rufen – gerade in diesen Tagen, in denen Populisten in etlichen Ländern, leider auch in Deutschland, Stimmung machen gegen Europa, gegen Vielfalt, gegen unsere gemeinsamen Werte.

Mit einfachen Parolen versuchen sie den Menschen zu suggerieren, dass es einfache Lösungen gäbe. Dass man sich besser stellt, wenn man nur das eigene Wohl im Auge hat.

Ich sage dagegen: Nationaler Egoismus hat aber noch nie Probleme gelöst, sondern sie erst geschaffen oder verstärkt – gerade in Europa haben wir insoweit eine leidvolle Geschichte.

Auch dieser Ort hier mahnt uns durch seinen Bezug zu dunkelsten Zeiten der europäischen und der deutschen Geschichte. Hier auf diesem Gelände der ehemaligen Zagreber Messe wurden 1941 Juden versammelt und mit Zügen in verschiedene Lager deportiert. Wir Deutsche, aber auch wir alle in Europa müssen uns unserer Geschichte mit all ihren Höhen, Tiefen und auch Katastrophen bewusst sein. Wir müssen sie auch als warnende Erfahrung verstehen und nutzen.

Schauen wir uns die Herausforderungen an, vor denen wir heute stehen:
Terrorismus, Klimawandel, Migration, Finanzkrisen, Demografieprobleme, Bürgerkriege und vieles mehr beschäftigt uns.

Glaubt wirklich jemand, dass man auch nur eines dieser Probleme im nationalen Alleingang lösen kann?! Gerade europäische Solidarität hat bisher geholfen, Krisen abzufedern – manch ein europäisches Land hat in den letzten Jahren Finanzkrisen überwunden oder in den Griff bekommen, dank europäischer Unterstützung.

Meine Damen und Herren, wir müssen Europa zusammenhalten, aus wirtschaftlichen Gründen, aber noch viel mehr, um Frieden, Stabilität und Sicherheit, also das Erreichte in Europa, zu bewahren und weiterzuentwickeln.

Das gilt auch für die von allen EU-Mitgliedstaaten gemeinsam gesetzten Regeln, dazu gehört übrigens auch die Beachtung von Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs.

Deutschland wird hierzu seinen Beitrag leisten, aber – und das kann gar nicht oft genug betont werden – nur gemeinsam mit den europäischen Partnern.

Sie alle haben das Ergebnis der deutschen Bundestagswahl gesehen. Auch wenn knapp 13 % der Wähler eine rechtspopulistische Partei gewählt haben, wird auch eine neue deutsche Regierung unter der Führung von Bundeskanzlerin Merkel eine an europäischen Werten ausgerichtete zukunftsorientierte Politik betreiben.

Dazu gehört auch eine Offenheit für Menschen aus anderen Kulturen, mit anderen Religionen und unterschiedlichen Orientierungen – 87% haben eben nicht rechtspopulistisch gewählt! Ich bin mir sicher, dass Europa für die Zukunft gerüstet ist. Und ich glaube fest daran, dass Europa die Zukunft für die junge Generation ist!

Wir in Europa brauchen auch keine Angst vor Migration zu haben, Europa hat sich durch Migration über die Jahrhunderte entwickelt. Dies wird den Besuchern des Neandertal Museums in Krapina eindrucksvoll auf einer Schautafel verdeutlicht, auf der steht: „Alle Europäer sind Migranten“.

Gleichzeitig ist es an uns, anderen unbegründete Furcht zu nehmen. Und es ist an der Politik Glaubwürdigkeit zurück zu gewinnen,  ausreichend zu erklären und die vorhandenen Ängste ernst zu nehmen. Natürlich müssen Regeln und das Recht eingehalten werden. Aber Furcht ist jedenfalls der denkbar schlechteste Ratgeber.

Als ein Beispiel, wie Migration unser Leben bereichern kann, habe ich heute Abend Okus Doma – ein kroatisches Catering von Migranten – eingeladen, den Taste of Home, Spezialitäten aus ihren Ländern zu präsentieren. Sie finden Sie im Zelt zu meiner Rechten. Außerdem haben wir eine junge kroatische Craft Beer Brauerei eingeladen und es gibt wie immer einen deutschen Riesling und einen kroatischen Rotwein, einen Plavac Mali aus der Gegend von Zadar. Der ist auch deshalb besonders und hat einen Bezug zu Deutschland, weil der Verschluss kein Korken ist, sondern ein sogenanntes Vino-lok aus Glas, das in Geisenheim am Rhein mit entwickelt wurde.

Ich wünsche uns einen schönen Abend mit deutschen, kroatischen und internationalen Leckereien und guten Gesprächen.

Vielen Dank! Hvala lijepa!

Rede von Botschafter Thomas E. Schultze aus Anlass des Tags der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2017 in Zagreb

Botschafter Thomas E. Schultze

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