Rede von Botschafter Thomas E. Schultze aus Anlass des Tags der Deutschen Einheit 2015

(Anrede),

ich freue mich, dass Sie alle gekommen sind. Herzlich willkommen!

Ich freue mich, dass wir den deutschen Nationalfeiertag in den Räumen der Modernen Galerie feiern dürfen, am Vorabend der Eröffnung einer ganz hervorragenden Ausstellung der deutschen Künstler Ernst Barlach und Käthe Kollwitz. Ich finde, viele der Kunstwerke haben durchaus aktuellen Bezug.

Einen ganz herzlichen Dank an die Museumsdirektorin Frau Biserka Rauter Plančić, die Kuratorin der Ausstellung, Frau Dr. Libuše Jirsak, und die Macherin der Ausstellung, Frau Heike Stockhaus.

Sie alle haben es möglich gemacht, dass wir gemeinsam inmitten dieser beeindruckenden Kunst feiern können. Dass ist keinesfalls selbstverständlich. Wir wissen das zu schätzen.

Seit der Wiedervereinigung Deutschlands sind nunmehr 25 Jahre vergangen. In diesem Zeitraum hat sich Deutschland verändert.
Aber auch in Europa hat es dramatische Veränderungen gegeben, die wahrscheinlich kurz vorher keiner von uns so vorhergesagt hätte.

Nicht alle Erfahrungen und Entwicklungen gerade Anfang der 90er Jahre waren erfreulich, manche schrecklich und sehr schmerzhaft für viele Menschen, gerade in dieser Region. Europa und seine Menschen haben es aber geschafft, ein neues, größeres Europa zu gestalten. Das Ergebnis ist eine Union, deren jüngstes Mitglied Kroatien ist. Weitere Staaten sind in Beitrittsprozessen zur EU.

Sie erwarten jetzt sicher, dass ich aus Anlass des deutschen Nationalfeiertages und unserer Feier hier in Zagreb die deutsch-kroatischen Beziehungen näher beleuchte. Zum Beispiel: Dass Deutschland Kroatien immer gerne unterstützt und begleitet hat, dass über 2 Mio Deutsche jedes Jahr gerne nach Kroatien reisen, dass über 300.000 Kroaten in Deutschland leben und eine hervorragende menschliche Brücke zwischen unseren Ländern bilden, dass Deutschland in den ersten sechs Monaten dieses Jahres der wichtigste Handelspartner Kroatiens war, dass die Mitgliederzahl unserer deutsch-kroatischen Handelskammer stetig weiter wächst.

Mir ist aber an diesem Tag, an dem wir uns freuen, dass die Trennung Deutschlands vor 25 Jahren ein Ende hatte, auch wichtig, einen Blick auf aktuelle Ereignisse zu werfen.

Europa ist in den letzten 25 Jahren in einer Weise zusammen gewachsen, wie es niemand erwarten konnte und erwartet hat. Der leidenschaftliche Europäer und Präsident der ersten Kommission der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft Walter Hallstein soll schon vor vielen Jahrzehnten gesagt haben: „Wer in Europa nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“ Er hatte Recht! Und es ist in der Tat wunderbar, festzustellen, dass seitdem alte Feindschaften überwunden wurden, Diktaturen ihr Ende fanden, 28 Staaten in einer Union zusammenwachsen, die nicht nur politischer und wirtschaftlicher Natur ist, sondern eine Union der Werte bildet. Werte auf die wir stolz sind: Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit; aber auch der Wille zu Frieden und Wohlstand für alle vereint uns.

Dass das keine Selbstverständlichkeit ist, sehen wir schon in unseren Nachbarregionen, wie zum Beispiel in Nordafrika, im Nahen Osten. In den letzten Wochen bewegt das Thema  Flüchtlinge nicht nur die Politik, sondern auch die Menschen in ganz Europa.

Es werden Fragen gestellt: Wie können wir helfen? Können wir so viele Flüchtlinge aufnehmen? Kann Europa das leisten? Was ist richtig?

Gerade diese Ausstellung, in der wir uns heute befinden, zeigt Impressionen von Menschen in Not, von Verfolgten und Ausgegrenzten – aus einer anderen Zeit und dennoch erschütternd aktuell und nicht weit weg.

Ohne Zweifel steht Europa vor einer gewaltigen Herausforderung. Aber auch in der Vergangenheit haben wir es in Europa gemeinsam geschafft, Schwierigkeiten und Gegensätze zu überwinden. Europa hat bislang immer eine große Solidarität ausgezeichnet. Das ist eine der Stärken Europas. Wir brauchen also kein Wunder in Europa, sondern Solidarität und den Willen, gemeinsam etwas zu erreichen.
Wenn wir uns anschauen, wovor viele Menschen fliehen – vor Terror, Barbarei und mörderischer Gewalt, dann erkennen wir in Europa, dass wir diesen Menschen in größter Not helfen müssen.
Gleichermaßen gilt aber auch, in unserem und im Interesse der Verfolgten realistisch zu bleiben und zwischen Flüchtlingen und Migranten zu unterscheiden.

Kroatien ist ganz besonders betroffen, über 100.000 Menschen haben in den letzten knapp drei Wochen die Grenze von Serbien nach Kroatien überschritten. Es ist enorm, was in Kroatien und von Kroaten und Kroatinnen aber auch freiwilligen Helfern aus anderen Ländern Europas in den letzten gut drei Wochen geleistet wurde, um den vielen Flüchtlingen zu helfen. Besonders der menschliche Aspekt hat mich tief beeindruckt.

Doch kein Land kann dies im Alleingang bewältigen. Deshalb ist es gut, dass in Brüssel beschlossen wurde, eine gemeinsame europäische Lösung zu finden. Jedes Land soll nach seinen Möglichkeiten dazu beitragen, Flüchtlingen eine Perspektive zu geben. Ich freue mich, dass diese Haltung auch von Kroatien unterstützt wird! Es hat wieder gezeigt, dass unsere beiden Länder aufeinander zählen können.

Deutschland und Kroatien sind enge Partner, wir sind vielfältig miteinander verbunden. Es freut mich daher ganz besonders, dass ich hier als neuer Botschafter Deutschlands mit Ihnen allen den 25. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung feiern darf.

Vielen Dank!