Grußwort von Botschafter Thomas E. Schultze bei der Eröffnung der Ausstellung „Kreisverkehr“ am 08.09.2016 in der Galerie Prsten in Zagreb

(Anreden),

liebe Frau Kontrec,

in Ihrem Werk haben Sie sich immer wieder mit unserem gemeinsamen europäischen Erbe beschäftigt und damit unweigerlich auch mit Krieg, Flucht, Vertreibung, letztlich auch Migration – Kernaspekten der gegenwärtigen politischen Diskussion. Schon 1992 in Köln griffen Sie – aus hier in Kroatien nur zu gut verständlichem Grund - das Thema Flüchtlinge eindrücklich auf und bereits 1993 setzten Sie ihre brückenbildende Arbeit im deutsch-kroatischen Künstlerprojekt Recall Byblos fort. Durch die vielen Tausend Flüchtlinge, die derzeit Europa aus den Unruheherden des Nahen und Mittleren Ostens sowie Afrikas erreichen ist Ihre Arbeit gerade in dieser Zeit wieder hoch aktuell. Es handelt sich um keine anonyme Masse von Flüchtlingen, nicht um Zahlen, sondern um Menschen mit unterschiedlichen Schicksalen. Nicht alle werden in Europa bleiben können. Sie alle aber verdienen menschenwürdige Behandlung; etwas, das Kroatien und sein Menschen im letzten Herbst vorbildlich geleistet haben.

Mich fasziniert an Ihrem Werk besonders auch Ihr Umgang mit dem Thema Grenzen. Gerade weil derzeit wieder viel vom Schließen von Grenzen die Rede ist. Grenzen können trennen und schmerzen, sie sollen den eigenen Bürgern Sicherheit bieten; sie dürfen aber nicht abschotten.

Man kann und soll sich über Grenzen aber auch die Hand reichen und sich selbst und dem anderen eine Chance geben. Einfach einmal über seinen Schatten springen. Zurückhaltung kann sich in Neugier auf das Andere jenseits der Grenze wandeln. Und die Überwindung von Grenzen kann enorme positive Energie freisetzen. Gerade der Schengenraum, dem Kroatien noch nicht angehört, hat für die Menschen Europas das vereinigte und geeinte Europa fühlbar gemacht, zahlreiche Menschen dazu bewegt, sich in diesem Europa ohne Grenzen frei zu bewegen und es zu bereichern. Wir, liebe Frau Kontrec, und andere in diesem Raum können sich noch an die Zeit davor, als lange Schlangen vor den Grenzübergängen die Regel waren. Daran wurden wir vor Kurzem leider wieder erinnert. Deshalb ist ganz klar: Dahin wollen wir nicht zurück.

Ihr Werk regt durch die eindrücklichen Assoziationen und die starke Bildsprache zum Nachdenken an und ist, ich sagte es bereits, aktueller denn je. Wenn man sich mit Ihrer Arbeit befasst, sticht natürlich ins Auge, dass Sie selbst auch eine Grenzgängerin sind. Ihr Lebensmittelpunkt wanderte von Zagreb nach Deutschland und immer wieder auch zurück, Sie haben dadurch seit über zwei Jahrzehnten enge Verbindungen in beide Länder und beide Kunstszenen. Dabei habe ich aber das Gefühl, dass diese Grenzen, so schwer sie manchmal auch das Alltagsleben machten, Sie auch künstlerisch angeregt und beflügelt haben. Und Sie sind zu einer echten Reisenden zwischen Kroatien und Deutschland geworden, die in beiden Welten zu Hause, bekannt und höchst anerkannt ist. Damit sind Sie ein Vorbild für die Freundschaft über  die Grenzen hinweg und ein Beweis für die These, dass menschlicher und kultureller Austausch gegenseitig befruchtet, uns weiterbringt, neue Perspektiven und Horizonte eröffnet.

Werk von Frau Anita Kontrec