Grußwort von Botschafter Thomas E. Schultze bei der Eröffnung der Ausstellung „Ernst Barlach und Käthe Kollwitz: Über die Grenzen der Existenz“ am 6. Oktober 2015 in Zagreb

(Anrede),

es erfüllt mich mit Freude und Stolz heute mit Ihnen gemeinsam diese große und großartige Ausstellung eröffnen zu können. Ich danke der Moderna Galerija und ihrer Direktorin, die sich dafür eingesetzt hat, dass die Ausstellung nach Zagreb kommen konnte und natürlich auch Ihnen, Frau Stockhaus, von der Ernst Barlach Stiftung Hamburg, die diese wunderbare Ausstellung zur Verfügung stellt.

Gerne hat auch das Auswärtige Amt, diese Ausstellung finanziell unterstützt.

Gestern fand unser Empfang zum Tag der Deutschen Einheit in diesen Räumen statt. Unsere Gäste hatten daher schon das Privileg einer „Voreröffnung“.

Die Resonanz war hervorragend. Immer wieder bin gestern ich auf die Exponate angesprochen worden. Meine Mitarbeiter haben mir heute Morgen das Gleiche berichtet. Auch deshalb bin ich überzeugt, dass diese herausragende Ausstellung hier in Zagreb den Erfolg haben wird, den sie verdient.

Der schwebende Engel, den wir hier über uns sehen, ist übrigens 25 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands auch symbolkräftig für diesen Teil unserer Geschichte. Das Original, das Barlach für die mecklenburgische Stadt Güstrow geschaffen hatte, wurde vom Naziregime eingeschmolzen. Nach dem Krieg wurde in der Bundesrepublik ein Replikat geschaffen, das in einer Kirche in Köln aufgehängt wurde, da Güstrow nunmehr vorerst unerreichbar im Ostteil unseres Landes lag. Einige Jahre später erhielt Güstrow dann ein zweites Replikat: auch nachträglich noch ein Symbol, wie Kunst verbindet und ideologische Abgründe überbrücken hilft. 1981 besuchten Bundeskanzler Helmut Schmidt und der damalige Staatschef der DDR, Erich Honecker die Kirche in Güstrow. Als der Bischof den Engel als ein Symbol der gemeinsamen Vergangenheit bezeichnete, ergänzte Schmidt: „und unserer gemeinsamen Zukunft“. Die Wiedervereinigung 9 Jahre später sollte ihm Recht geben.

Ernst Barlach und Käthe Kollwitz gehören zu den herausragenden deutschen Künstlern des 20. Jahrhunderts und eindrucksvollen Repräsentanten ihrer Zeit und unserer wechselvollen Geschichte.  Beide wurden geprägt durch die Erfahrung des 1. Weltkriegs, den Barlach als junger Soldat selbst erlebte und in dem Käthe Kollwitz ihren Sohn verlor. Beide Künstler haben sich für den Frieden engagiert – gegen Krieg und Unterdrückung, was gerade ihr Leben so bestimmte. Krieg ist leider auch heute noch heute noch eine der Hauptursachen für menschliches Leid und Flucht. Millionen von Menschen sind gegenwärtig auf der Flucht vor Krieg, Terror und Barbarei.

Aber Krieg ist nicht die einzige leidvolle Erfahrung, die die Existenz des Menschen prägt. Armut, Unterdrückung, Trauer und Tod sind Erfahrungen,  die in den Werken beider Künstler Ausdruck finden. Und so ist diese Ausstellung gerade in diesen Tagen wieder hoch aktuell. Täglich sehen wir die Fernsehbilder von Flüchtlingen. Darunter Frauen mit kleinen Kindern, allein reisende Kinder, Alte und Behinderte, deren Gesichter geprägt sind durch das Leid, das hinter ihnen liegt und durch die Erschöpfung durch die mühsame Flucht in ein neues Leben.

Der stumme Schmerz, den die Werke beider Künstler ausdrücken, findet eine Sprache, die universell verstanden wird. Ich hoffe, dass diese Ausstellung in den nächsten Wochen viele Besucher haben wird.

Ich weiß, dass die Moderna Galerija ganz besonderen Wert darauf legt, junge Menschen in die Ausstellung zu holen. Das finde ich sehr gut und wichtig, denn gerade Jugendliche sind noch besonders prägbar auch gerade durch Bilder. Doch ist es unsere Aufgabe, zu erklären, aufzuklären und an unserer gemeinsamen Zukunft zu arbeiten.

Dies erscheint gerade in diesen Tagen wichtig, in denen europäische Solidarität gefordert ist. Wir in Europa sind auch eine Wertegemeinschaft. Einer der wichtigsten Werte ist die Würde des Menschen.

Und so hoffe ich, dass diese Ausstellung nicht nur Wertschätzung erfährt, sondern auch etwas Bleibendes hinterlässt: den Wunsch nach Versöhnung und nach Frieden und etwas weckt, das unsere menschliche Existenz ebenfalls prägt: die Empathie mit dem Mitmenschen.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit!